Ein historischer Akt der Verbundenheit, lebendige Tradition und ein starkes Zeichen für die Gemeindepartnerschaft: Mit einer Fußwallfahrt über gut 250 Kilometer haben Bürgerinnen und Bürger aus dem oberösterreichischen Frankenburg am Hausruck ein eindrucksvolles Kapitel der gemeinsamen Geschichte aufgeschlagen. Ihr Ziel war der Mühlhausener Ortsteil Sulzbürg, wo die Pilger pünktlich zum Kirchweihauftakt empfangen wurden. Die Aktion unterstreicht die tiefe historische Verwurzelung der Regionen und schlägt zugleich eine Brücke in die Gegenwart einer lebendigen Partnerschaft zwischen den Kommunen Mühlhausen und Frankenburg.
Historische Wurzeln: Das Band der „Landler“
Die Verbindung zwischen den beiden Regionen ist tief in den Geschehnissen des 17. Jahrhunderts verankert. Vor rund 400 Jahren mussten lutherische Christen – die sogenannten Exulanten – im Zuge der Gegenreformation ihre oberösterreichische Heimat, das „Landl ob der Enns“, verlassen. Viele von ihnen fanden im toleranteren Sulzbürger Land eine neue Heimat. Bis heute tragen beide Regionen das Erbe dieser Vertreibung in ihrer Identität und bezeichnen sich stolz als „Landler“.
Diese historische Verbundenheit mündete in eine offizielle Gemeindepartnerschaft zwischen der Gemeinde Mühlhausen und Frankenburg am Hausruck. Der spektakuläre Fußmarsch galt nun als ein sichtbarer Höhepunkt, um diesen Partnerschaftsvertrag mit Leben zu füllen und das Band zwischen den Bürgerinnen und Bürgern beider Kommunen zu festigen.
Der Marsch: 250 Kilometer ohne Blessuren
Unter dem Titel „Auswanderung“ machten sich die oberösterreichischen Pilger zu Fuß auf den Weg, um die mühsame Reise ihrer Ahnen Schritt für Schritt nachzuvollziehen. Unterwegs trotzten sie teils extremen Wetterbedingungen und wurden von Einheimischen aus dem Sulzbürger Land sowie zwölf Radfahrern aus Frankenburg begleitet. Als Wegbegleiter, Gepäcktransporteure und organisatorisches Rückgrat fungierten Ludwig Schiller, Leiter des Frankenburger Landlmuseums, und Michael Neudorfer.
Die Gruppe erreichte den Mühlhausener Ortsteil Sulzbürg pünktlich gegen 18:00 Uhr am Kirchweihfreitag. Auf dem Marktplatz wurden sie von zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern mit herzlichem Applaus empfangen. Zur Feier der unfallfreien Ankunft lud Mühlhausens Partnerschaftsbeauftragte Monika Schlirf-Kreichauf im Anschluss zu einer gemeinsamen Stärkung ein.
Dankandacht und Festakt: Emotionen und Hymnen
Gleich nach der Ankunft fand in der Marktkirche eine feierliche Dankandacht statt. Helmut Enzenberger, einer der maßgeblichen Wegbereiter dieser Partnerschaft, fand dabei bewegende Worte:
„Ihr habt eine einzigartige Leistung vollbracht, die in die Geschichte unserer beiden Landl-Regionen eingehen und dort einen Ehrenplatz erhalten wird.“
Enzenberger betonte, dass durch diesen Akt der Verbundenheit auf den Spuren der Vorfahren ein historischer Kreis geschlossen werde.
Am darauffolgenden Samstag unternahmen die Gäste zunächst einen Ausflug nach Thalmässing und Kammerstein, wo ebenfalls spürbare Wurzeln der damaligen Exulanten liegen. Der Abend stand dann ganz im Zeichen des Festakts auf der Sulzbürger Kirchweih:
· Offizielle Begrüßung: Manuel Behr und Partnerschaftsbeauftragte Monika Schlirf-Kreichauf hießen die zahlreichen Gäste aus nah und fern willkommen.
· Geschichtlicher Rückblick: Landrat Martin Meier und Mühlhausens Erster Bürgermeister Martin Hundsdorfer hoben die jahrhundertelange, prägende religiöse Vergangenheit Sulzbürgs hervor und lobten die starke Gemeinschaft in der Gemeinde Mühlhausen.
· Ein Gänsehautmoment: Den emotionalen Höhepunkt bildete das gemeinsame Singen der oberösterreichischen Landeshymne („Hoamatland“) und der Bayernhymne, musikalisch begleitet von der Blaskapelle Thannhausen. Im Anschluss erhellte ein stimmungsvoller Fackel- und Lampionzug die Gassen des Ortes.
Gottesdienst in der Schlosskirche: Feierlichkeit und kritische Töne
Der Kirchweihsonntag begann mit einem ergreifenden Festgottesdienst in der Schlosskirche, den Pfarrer i. R. Konrad Schornbaum zelebrierte. Die musikalische Umrahmung übernahmen der Posaunenchor Kerkhofen/Hofen sowie Helmut Enzenberger.
Trotz der gelösten Stimmung brachte Michael Neudorfer, der in Frankenburg als einer der Hauptinitiatoren der Partnerschaft gilt, auch kritische und nachdenkliche Zwischentöne ein. Er thematisierte die Abberufung des örtlichen Landlpfarrers Alexander Proksch, der das völkerverbindende Treffen im Vorfeld vorbildlich mitorganisiert hatte, am Festtag jedoch fehlte:
„Alexander Proksch hat dieses Völker verbindende Treffen vorbildlich mit organisiert und er fehlt uns allen an einem Tag, der auch sein Tag hätte sein können. Ich frage mich schon, ob das Deutsche Grundgesetz, das der Menschenwürde einen breiten Raum einräumt, nicht für euren Pfarrer gilt“, so Neudorfer unter dem donnernden Applaus der Gottesdienstbesucher.
Als bleibendes Geschenk für die Gäste übergab Reinhold Heck aus Rocksdorf nach den Grußworten des Bürgermeisters eine handgemalte Scheibe, die die beiden charakteristischen Kirchen auf dem Sulzbürger Schlossberg zeigt.
Fazit: Eine Partnerschaft mit Zukunft
Mit einem gemeinsamen Essen, einem Erinnerungsfoto und der anschließenden Verabschiedung der Gäste, die per Bus die Heimreise antraten, endete ein geschichtsträchtiger Besuch. Das Treffen hat eindrucksvoll gezeigt, wie aus einer schmerzhaften Vertreibung vor 400 Jahren eine lebendige, von tiefem Respekt geprägte Freundschaft zwischen den Gemeinden Mühlhausen und Frankenburg gewachsen ist.
