Das WIR trägt
Seit unserem letzten Treffen habe ich viel darüber nachgedacht, was da gerade eigentlich entsteht. Am Anfang war da nur ich – mit meiner Unsicherheit, meiner Müdigkeit und meinem Wunsch, nicht mehr alleine zu sein. Jetzt sitze ich in einem Raum voller Menschen, die ich erst seit kurzer Zeit kenne, die mir aber auf unerklärliche Weise bereits vertraut vorkommen.
Beim vierten Treffen wurde mir das besonders bewusst. Wir haben uns hingesetzt, Tee dampfte in den Tassen, und die Stimmung war vom ersten Moment an ruhig, fast warm. Niemand musste sich verstellen. Niemand musste stark tun. Es war, als würde ein gemeinsamer Mantel um uns liegen – ein Mantel aus Verständnis.
Ich habe etwas erzählt, das ich sonst niemandem sagen konnte. Als ich fertig war, wartete ich – auf Stirnrunzeln, auf Unsicherheit, auf irgendeine Form von Distanz. Aber stattdessen nickten ein paar Menschen einfach. Eine Person meinte: „Ich kenne das. Ganz genauso.“ Und es war nicht nur ein dahingesagter Satz. Es war ein echtes Wiedererkennen.
In diesem Moment ist etwas in mir aufgegangen – ein Gefühl von Aufgehoben-Sein, das ich lange nicht kannte. Das Gefühl, dass ich nicht nur erzähle, sondern gehört werde. Und dass da plötzlich ein WIR ist, das trägt, das hält, ohne einzuengen.
Später erzählte jemand, dass sie in der vergangenen Woche einen schweren Moment gehabt habe und fast wieder in alte Muster gefallen wäre. „Dann habe ich an euch gedacht“, sagte sie. „Und daran, was wir letzte Woche besprochen haben.“
Es wurde still im Raum. Aber es war eine gute Stille. Eine, die sagt: Wir sind da. Auch außerhalb dieses Zimmers.
Immer öfter erlebe ich solche Augenblicke. Kleine Gesten, die zeigen, dass aus einer Idee langsam eine Gemeinschaft wird: Jemand bringt Traubenzucker für alle mit. Jemand fragt nach, wie der Termin beim Arzt gelaufen ist. Jemand anderes bietet an, für eine Person mitzudenken, die heute nicht da sein kann.
Wir haben noch vieles nicht geklärt und es gibt bestimmt auch mal schwierigere Treffen – aber das macht mir keine Angst mehr. Denn ich habe verstanden, dass ich nicht mehr allein vor irgendeinem Berg stehe. Wir stehen davor. Zusammen. Und gemeinsam wirkt er weniger steil.
Als wir heute auseinandergegangen sind, habe ich gespürt, dass ich mich inzwischen auf jedes Treffen freue, nicht nur ein bisschen, sondern richtig. Und der Gedanke, der mir auf dem Heimweg kam, war ungewohnt – aber schön:
Ich bin Teil von etwas. Und dieses Etwas trägt mich.
Ich glaube, genau darum geht es in der Selbsthilfe. Nicht darum, perfekt zu sein oder immer genau zu wissen, was man sagen soll. Sondern darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen einander halten – manchmal durch Worte, manchmal einfach durch ihr Dasein.
Und ich merke: Ich bin angekommen. Wir sind angekommen.
Gemeinsam.
Der Beitrag Mein Weg in die Selbsthilfe – Teil 6 erschien zuerst auf Kiss Mittelfranken.
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