(Text: Roland Wellenhöfer)
Mit einer fast zwei Kilometer langen Bilderbahn feiern die Kinder des Kindergartens St. Elisabeth den Höhepunkt ihres Jubiläumsjahres – und übertreffen die bisherige Weltrekordmarke.
Gespannte Blicke richten sich nach dem Familiengottesdienst auf Bürgermeister Bernhard Schmidt. Wochenlang haben die Kinder gemalt, die Erzieherinnen gezählt, geklebt und organisiert. Hat es gereicht? Dann folgt die erlösende Nachricht: 6.290 Ausmalbilder. Für einen kurzen Moment herrscht ungläubiges Staunen, bevor großer Jubel ausbricht. Der katholische Kindergarten St. Elisabeth hat die bislang bekannte Weltrekordmarke übertroffen – wenn auch nur inoffiziell. Dann setzt sich eine regelrechte Völkerwanderung in Bewegung. Hunderte Besucher folgen der farbenfrohen Bilderbahn, die sich über den Forstweg durch den Kirchenwald vom Goldbrunnen bis fast hinauf zu den „Vier Grenzen“ schlängelt. Genau 1.868 Meter lang ist das bunte Band aus aneinandergereihten Ausmalbildern. Die Kinder laufen aufgeregt neben ihren Eltern her, suchen ihre eigenen Kunstwerke und zeigen immer wieder voller Stolz darauf. „Schau mal, das ist meins!“, hallt es immer wieder durch den Wald.
Bereits in den frühen Morgenstunden hatten die Erzieherinnen gemeinsam mit Eltern und dem Elternbeirat die riesige Bilderbahn ausgelegt. Vom Wanderparkplatz am Goldbrunnen führte sie auf einem Forstweg tief in den Kirchenwald hinein. Nach gut einem Kilometer markierte eine Markierung den Wendepunkt, anschließend verlief die Bilderbahn parallel zurück bis fast zum Ausgangsort. Damit der Wind die Papierbahn nicht verwehte, halfen die Kinder selbst mit. Mit kleinen Steinen und Holzstücken beschwerten sie die Bilder – jeder konnte seinen Beitrag leisten.
Noch bevor der Gottesdienst begann, startete die Vermessung. Bürgermeister Bernhard Schmidt und Madlen Luy, eine langjährige Freundin des Kindergartens, fuhren mit zwei geeichten Messrädern die gesamte Strecke ab. Begleitet wurden sie von Kindergartenleiterin Stefanie Unterburger. Nach exakt 1.868 Metern bestätigten die Messräder die zuvor gezählten 6.290 Einzelbilder.
Damit war klar: Die bisherige Weltrekordmarke aus Peking mit 5.930 Bildern war um 360 Bilder übertroffen.
Bevor das Ergebnis bekannt gegeben wurde, feierten zahlreiche Familien einen Gottesdienst unter freiem Himmel – zwischen Erdbeerfeldern und Wald inmitten der Natur. Pfarrer Martin Besold sprach von der „größten Kathedrale der Welt“ – Gottes Schöpfung. Jugendliche der Pfarrgemeinde gestalteten den Gottesdienst zum Leitwort aus dem Matthäusevangelium „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid.“ Mit Paketen beladen machten sie die Botschaft anschaulich. Musikalisch umrahmte die Gruppe Mitnand die Feier. Während der Messe wanderten die Blicke immer wieder sorgenvoll zum Himmel. Dunkle Wolken zogen über den Hessenreuther Berg, doch außer wenigen Regentropfen blieb das Wetter den Familien wohlgesonnen.
Die Idee zu der außergewöhnlichen Aktion entstand nicht bei den Erwachsenen, sondern bei den Kindern selbst. Beim Blättern in einem Weltrekordbuch kam bei den Vorschulkindern der Wunsch auf: „So einen Rekord wollen wir auch.“ Das Erzieherteam griff die Idee auf und suchte nach einer Herausforderung, die Kindergartenkinder bewältigen können. Die Wahl fiel auf die längste Reihe gestalteter Ausmalbilder. Seit Beginn des Kindergartenjahres im September wurde deshalb beinahe täglich gemalt. Ob in den Gruppenräumen oder im Garten – überall lagen Ausmalbilder und Stifte bereit. Noch bis zum letzten Tag vor dem Rekordversuch entstanden neue Bilder. Kindergartenleiterin Stefanie Unterburger berichtete nach der Verkündung von großer Erleichterung. Bis zuletzt sei nicht sicher gewesen, ob genügend Bilder zusammenkommen würden. Umso größer sei nun die Freude, dass nicht nur die Zahl erreicht wurde, sondern auch das Wetter mitspielte und die Kinder ihr gemeinsames Werk präsentieren konnten. Hinter dem Rekord steckt monatelange Arbeit. Rund 50 Rollen Tesafilm verbrauchte das engagierte Kindergartenteam, um die tausenden Einzelbilder zu einer durchgehenden Bilderbahn zusammenzukleben.
Für die Eltern war beeindruckend zu sehen, mit welchem Ehrgeiz die Kinder bei der Sache waren. Viele hätten anfangs nicht geglaubt, dass das Vorhaben gelingen könnte. Doch mit jeder Woche nahm das Projekt mehr Fahrt auf. Selbst bis zum letzten Tag vor der Veranstaltung hätten die Mädchen und Jungen noch fleißig gemalt. Auch Bürgermeister Bernhard Schmidt zeigte sich beeindruckt. Entscheidend sei gewesen, dass alle mitgeholfen hätten – Kinder, Eltern und das gesamte Team. Der Kindergarten St. Elisabeth sei seit 30 Jahren ein wichtiger Bestandteil der Stadt Erbendorf. Der Rekordversuch bilde einen würdigen Abschluss des Jubiläumsjahres. Pfarrer Martin Besold freute sich darüber, dass aus einer Idee der Kinder ein so außergewöhnliches Gemeinschaftsprojekt entstanden sei. Dass der Wunsch nach einem Weltrekord tatsächlich Wirklichkeit werden würde, habe anfangs wohl niemand erwartet. Der Rekordversuch war zugleich das 30. und letzte Geschenk, das sich die Kinder und das Team des Kindergartens St. Elisabeth in ihrem Jubiläumsjahr machten.
Seit 30 Jahren begleitet die katholische Einrichtung Kinder auf ihrem Weg ins Leben. Dabei orientiert sie sich am Leitgedanken der heiligen Elisabeth: „Wir müssen die Menschen froh machen.“ Offen für Familien unterschiedlichster Glaubensrichtungen und als integrative Einrichtung versteht sich der Kindergarten als Ort, an dem jedes Kind mit seinen Begabungen und Stärken angenommen wird. Das Jubiläumsjahr war deshalb geprägt von insgesamt 30 besonderen Aktionen – vom Rummelplatz im Kindergarten über eine Graffiti-Aktion und eine Elisabeth-Ausstellung bis hin zu einem Badeentenrennen. Der Rekordversuch bildete den emotionalen Höhepunkt und Abschluss dieses besonderen Jahres.
Auch wenn die Kinder die bisherige Weltrekordmarke übertrafen, wird der Rekord nicht in einem offiziellen Rekordbuch erscheinen. Der Versuch wurde bewusst nicht angemeldet. Wie Kindergartenleiterin Stefanie Unterburger erklärte, wären die finanziellen Hürden für eine offizielle Anerkennung zu hoch gewesen. Zudem hätten die strengen Vorgaben – etwa vollständig ausgemalte Bilder – von drei- und vierjährigen Kindern kaum erfüllt werden können. Für die Mädchen und Jungen spielte das jedoch keine Rolle. Sie hatten ihr Ziel erreicht.
Nach der Rekordverkündung konnten Besucher einzelne Ausmalbilder gegen eine Spende mit nach Hause nehmen. Der Erlös von 400 Euro geht zu gleichen Teilen an die "Löschifanten" Erbendorf und an die Kinderkrebshilfe.
