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Perspektivenwechsel in Ebelsbach: Jugendliche erleben den Pflegealltag hautnah
Rummelsberger Diakonie für Rauhenebrach
19.06.2026, 07:40
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Wie fühlt es sich an, die Kontrolle abzugeben und von jemand anderem Essen eingegeben zu bekommen? Wie viel Vertrauen gehört dazu, sich von einem Gleichaltrigen und/oder Fremden die Zähne putzen oder das Gesicht rasieren zu lassen? Diese und viele weitere prägende Erfahrungen machten drei Gruppen von Firmlingen und Konfirmanden bei ihren Besuchen im Behindertenwohnheim der Rummelsberger Diakonie in Ebelsbach.

Das gemeinsame Ziel der Aktion: Berührungsängste überwinden, Vorurteile abbauen und Verständnis für das Leben mit einer Behinderung entwickeln.

Ein Blick hinter die Kulissen

Die Besuche starteten für die Jugendlichen jeweils mit einer umfassenden Einführung in die professionelle Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Bei einer Führung durch die Räumlichkeiten des Wohnheims sowie der Förderstätte lernten die Gruppen die verschiedenen Wohngruppen mit ihren vielfältigen Besonderheiten kennen. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei den modernen Hilfsmitteln wie Personenliftern, Duschstühlen und spezialisierten Pflegebädern, die den Alltag der BewohnerInnen sowie den Mitarbeitenden erleichtern sollen. Die Jugendlichen erhielten so einen ersten, sensiblen Einblick in die Privatsphäre und den Alltag der hier lebenden Menschen.

Großen Eindruck hinterließ auch der Blick auf ganz besondere Räume und Schutzmaßnahmen: So besichtigten die Jugendlichen ein spezielles Gitterbett, das zum Schutz eines Bewohners mit schwerster Epilepsie dient. Zudem lernten sie den beruhigenden Snoezelenraum, den Actionraum für Bewegung sowie den schallgeschützten Tonraum der Einrichtung kennen. Die Jugendlichen erhielten so einen sensiblen Einblick in den Alltag und die Privatsphäre der Bewohner.

Selbsterfahrung im Workshop: Vertrauen und Kontrollverlust

Der Schwerpunkt des Programms stand ganz im Zeichen des intensiven Perspektivenwechsels. In einem praktischen Workshop schlüpften die Jugendlichen paarweise abwechselnd in die Rolle des Pflegenden und des zu Pflegenden. An verschiedenen Stationen probierten sie aus, was im Heimalltag zur Routine gehört: gegenseitiges Essen eingeben, Zähneputzen, (Trocken-)Rasieren und das behutsame Eincremen des Gesichts.

Diese Selbsterfahrung hinterließ tiefen Eindruck. Es kostet unheimlich viel Überwindung, den Mund aufzumachen, wenn man das Besteck nicht selbst in der Hand hält, so das Resümee aus den Gruppen. Neben der Körperpflege stand auch das Thema Mobilität auf dem Programm: Beim Ausprobieren eines Rollstuhls erlebten die TeilnehmerInnen am eigenen Leib, wie schon kleine Türschwellen oder zu enge Zimmer sowie leichte Steigungen im Alltag zu echten Barrieren werden können.

Am Ende waren sich alle Beteiligten einig: Das Projekt war für alle drei Gruppen ein voller Erfolg. Die Jugendlichen nahmen nicht nur tiefen Respekt vor der Arbeit der Pflegekräfte mit nach Hause, sondern vor allem ein neues Bewusstsein für die Würde und die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung. Die anfänglichen Ängste und Vorurteile waren am Ende spürbar verflogen.

 

Thorsten Landgraf (Leitung Rummelsberger Diakonie – Haus Ebelsbach) sieht zudem viele positive Aspekte für die teilnehmenden Jugendlichen:

  • Abbau von Berührungsängsten: Viele Jugendliche haben im Alltag kaum Kontakt zu Menschen mit Behinderung. Unsicherheiten und das Gefühl von „Bloß nichts Falsches tun“ werden durch die direkte Begegnung sofort abgebaut.
  • Praktizierte Nächstenliebe: Das Projekt holt die Theorie aus dem Konfirmanden- oder Firmunterricht ins echte Leben. Werte wie Respekt, Menschenwürde und Nächstenliebe werden dadurch greifbar und verständlich.
  • Echte Empathie durch Perspektivenwechsel: Durch Workshops (wie Rollstuhl fahren oder sich füttern lassen) erleben Jugendliche am eigenen Leib, was Einschränkung und Hilflosigkeit bedeuten. Das schult das Einfühlungsvermögen nachhaltig.
  • Erweiterung des Horizonts: Die Jugendlichen lernen Lebensrealitäten kennen, die sich völlig von ihrer eigenen (Schule, Freizeit, Social Media) unterscheiden. Das bricht die eigene „Blase“ auf.
  • Berufliche Orientierung: Die Jugendlichen erhalten einen realistischen Einblick in soziale und pflegerische Berufe. Das kann das Interesse an einem Praktikum, einem FSJ (Freiwilliges Soziales Jahr) oder einer Ausbildung wecken.

Beschreibung

Wohnheim & Tagesstruktur für Menschen mit Behinderung in Ebelsbach.