Vor kurzem machte sich unsere Gruppe der BiB 60+ auf den Weg zu einer ganz besonderen Ausflugsfahrt. Neben Kultur und Historie stand dieser Tag vor allem im Zeichen ganz persönlicher Erinnerungen und exklusiver Einblicke, die ich zusammen mit meiner Ehefrau Isabell mit euch teilen durfte.
Erster Stopp im „Nebelloch“ Weiler
Nach dem Start um 12:30 Uhr in Buxheim war unser erstes Ziel das idyllische Weiler. Ein Ort, den die Lindenberger von oben auf dem Pfänderrücken gerne mal etwas spöttisch als „Nebelloch“ bezeichnen. Für mich persönlich war es eine Reise zurück in meine eigene Dienstzeit: Ich war hier damals bei der Bayerischen Grenzpolizeistation im Einsatz. Dadurch kenne ich bis heute jeden Feldweg von den damaligen Streifenfahrten und erinnerte mich gut an den Passkontrolldienst an den Grenzübergängen Scheidegg, Scheffau und Oberreute.
Im Westallgäuer Heimatmuseum wurden wir von alten Weggefährten empfangen:
- Die Führung: Mein früherer Grenzpolizei-Kollege Michael Götz leitete uns fachkundig durch das Museum.
Die Ausflugsgruppe der BiB 60+ vor der historischen Kulisse des Westallgäuer Heimatmuseums in Weiler.
- Die Kaffeepause: Für eine köstliche Überraschung sorgten Michaels Frau Renate und ein weiterer Ex-Kollege, Rudi Trimbach, die uns mit wunderbarem Kuchen verwöhnten.
Panoramafahrt & spannende Hut-Geschichten im Bus
Gut gestärkt ging es danach weiter. Bewusst fuhr unser Busfahrer Luis von Karrer Reisen noch einen Schlenker über Scheidegg und über die Queralpenstraße. Bei den dauernden Auf- und Ab-Passagen genossen wir einen herrlichen Panoramablick auf die wunderschöne Westallgäuer Landschaft, den Hochgrat und das Immenstädter Horn.
Schon während der Fahrt stimmte ich die Gruppe mit packenden Geschichten auf unser nächstes Ziel ein. Bereits als Schüler schrieb ich eine Facharbeit über die Entwicklung der Lindenberger Hutindustrie und stöberte dafür im Stadtarchiv alte Dokumente durch – reichlich eingeatmeter historischer Staub inklusive! Ich erklärte der Gruppe den rasanten Aufstieg Lindenbergs zum „Klein-Paris“ der Hutmode:
- Die Spionagelegende: Ein Lindenberger Händler musste einst in Italien überwintern und brachte von dort heimlich das Strohhutflechten mit ins Allgäu.
- Die Blütezeit um 1910: Ab der Industrialisierung 1833 durch die Firma Milz wuchs die Produktion rasant. Zur Blütezeit gab es 34 Strohhuthersteller und 14 große Hutfabriken. Ich hatte „natürlich“ einen Original-Mayser-Panama-Strohhut sowie einen Filzhut als Anschauungsobjekte dabei.
- Moderne Weltmarktführer: Auch heute steckt Lindenberger Genialität weltweit in jedem Auto. Die Firma Mayser ist Weltmarktführer für den Anti-Einklemm-Schutz an elektrischen Fensterscheiben. Zudem fertigt der größte Arbeitgeber der Region, Liebherr Aerospace mit 3.000 Beschäftigten, das Bugfahrwerk für den Airbus A350.
Eine Kirchenführung voller Herzblut im „Dom des Westallgäus“
In Lindenberg angekommen, führte ich die Gruppe zur Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul. Hier schloss sich für mich ein großer Kreis. Ich habe die erste Hälfte meines Lebens in Lindenberg verbracht, bin hier aufgewachsen und war als Ministrant, Pfadfinder und schließlich als Vorsitzender im Pfarrgemeinderat aktiv. Gemeinsam lüfteten wir die spannenden Geheimnisse des Gotteshauses:
- Der 20-jährige Platzstreit: Die Hutfabrikanten stritten sich zwei Jahrzehnte lang um den Standort des neuen Gotteshauses, da jeder die Kirche direkt neben der eigenen Fabrik sehen wollte. Schließlich wurde sie am damaligen Ortsrand gebaut – heute liegt sie durch das Stadtwachstum mitten im Zentrum.
- Der Rekordbau: Mit 1.200 Sitz- und 1.800 Stehplätzen ist der „Dom des Westallgäus“ die größte Pfarrkirche in der Diözese Augsburg.
- Die gewaltige Königin der Instrumente: Ein echter akustischer Gigant ist die historische Zeilhuber-Orgel. Sie verfügt über stolze 54 Register und rund 4.100 Pfeifen, deren Längen von winzigen 1 Zentimeter bis zu gewaltigen 5,4 Metern reichen. Ein ganz besonderes Highlight ist das seltene 32-Fuß-Register: Es erzeugt mit einer Frequenz von nur 16,4 Hz den tiefsten Ton, den das menschliche Gehör gerade noch so als Vibration wahrnehmen kann.
Die Orgel
- Zwei außergewöhnliche Dinge: Aufgrund des begrenzten Bauplatzes wurde die Kirche kurzerhand „umgedreht“ – die Türme zeigen nach Osten, der Altar nach Westen. Zudem trägt Jesus als Sämann auf der Kanzel einen echten Lindenberger Strohhut – eine weltweit einzigartige Darstellung!
links Jesus als Sämann mit Lindenberger Strohhut auf der Kanzel
- Kunstvolle Details: Das Altarbild zeigt den auferstandenen Jesus im Moment des „Noli me tangere“ (Berühre mich nicht) zu Maria Magdalena. Zudem entdeckten wir das Deckenfresko von Paul Keck aus dem Jahr 1961, in dem sich der Kirchenmaler mit einem heimlichen „Selfie“ selbst verewigt hat.
das Altarbild
Exklusive Einblicke dank Jugendfreundschaft
Das absolute Highlight wartete im Anschluss hinter den Kulissen. Mein Jugendfreund Bernhard Baum, der frühere Mesner von St. Peter und Paul, öffnete für unsere BiB-Gruppe Türen, die Besuchern sonst strikt verschlossen bleiben:
- Die Sakristeien: Ein seltener Blick in die Haupt- und die hintere Sakristei.
In der Sakristei
- Der Glockenturm: Voller Elan machten wir uns an den Aufstieg.
Die Teilnehmer der BiB 60+ beim Aufstieg im geschichtsträchtigen Glockenturm.
Oben angekommen bestaunten wir die gigantische, 6,8 Tonnen schwere Peter-und-Paul-Glocke.
Die beeindruckende Peter-und-Paul-Glocke aus nächster Nähe.
Das gesamte Geläut bringt stolze 18 Tonnen auf die Waage und ist damit das schwerste Geläut in der gesamten Diözese.
- Der Balkon-Ausblick: Direkt neben den Glocken traten wir auf den Turmbalkon aus und genossen einen atemberaubenden Weitblick über die gesamte Stadt.
- Der geheimnisvolle Dachstuhl: Zum krönenden Abschluss stiegen wir auf den Holzsteg direkt über dem riesigen Gewölbe.
Faszinierender Blick vom Holzsteg hinunter zur Decke: Der riesige Dachstuhl direkt über dem Kirchenschiff.
Ich konnte der Gruppe erklären, dass die von unten so massiv wirkende Decke eine sogenannte „Rabitzdecke“ ist, die nur etwa 10 Zentimeter dick ist.
- Warum Lindenberger im Winter frieren: Hier oben erfuhren wir auch, warum die Kirche im Winter niemals geheizt werden darf. Trifft die warme Raumluft von unten auf die extreme Kälte im Dachstuhl, entstehen lebensgefährliche Spannungen in der dünnen Decke, die zum Einsturz führen können. Die Lindenberger sagen daher liebevoll: „Lieber im Winter frieren, als dass uns der Himmel auf den Kopf fällt!“
Mit vielen tiefen Eindrücken, unvergesslichen Geschichten und bester Laune kehrten wir am Abend wohlbehalten nach Buxheim zurück. Ein herzliches Dankeschön an all meine alten Westallgäuer Freunde, die diesen Tag für uns so unvergesslich gemacht haben!
Herzliche Grüße,
Euer Max Zollner
